Rezension: Tatütata für Peter Sputnik

Ich habe das Buch aus zwei gründen gekauft: Es war von 17,90€ auf 3,95€ heruntergesetzt, und den Einband zierte eine Zeichnung von Bernd Pfarr.

Beides setzt sich im Inhalt fort: Die Figuren und die Welt, die sie bevölkern haben etwas von der Pfarr’schen Absurdität. Gleichzeitig ist aber alles irgendwie billig. Die Handlung wird dadurch vorangetrieben, dass überraschend Dinge passieren (Unfälle, unbekannte Dinge aus der Vergangenheit der Protagonist_innen kommen ans Licht); Handlungsstränge verschwinden einfach so, nachdem sie ihre Funktion erfüllt haben, alles hat den Charme eines billigen Comics.

Dieser Charme bringt es aber auch mit sich, dass die Lektüre unglaublich viel Spaß bereitet: Ständig passiert etwas, die Geschichte schlägt Haken, eine Absurdität jagt die nächste. Sogar das völlig an den Haaren herbeigezogene Happy End war stimmig.

Wer auch ohne hohe Ansprüche Lesespaß haben kann und bei Sondermann-Comics nicht mit empörten Unverständnis reagiert, kann hier durchaus mal einen Blick riskieren. Vorausgesetzt das Buch ist nicht zu teuer.

Axel Simon:
Tatütata für Peter Sputnik
Rowohlt (2009)
282 S.
fest geb.
Preis bei einem verachtenswerten Internethändler am 18.8.2016 ab 0,01€ + Versand

Für eine linke Außenpolitik

Ein kluger Bundeswehrkader erklärte, Militär könne einen Korridor für eine Problemlösung öffnen – das Problem lösen könne hingegen nur die Politik. Er bezog sich dabei auf das Afghanistan-Debakel

Interessanterweise ist dies nicht wirklich weit vom friedensbewegten »Waffen bringen keinen Frieden« entfernt und kluge Friedensfreund_innen verweisen ja auch gerne darauf, dass es die erste Aufgabe der Außenpolitik sei, die Notwenigkeit von militärischen Korridoren vorab zu verhindern.

Die Aktuelle Situation

2014 haben eine Instabilität des Irak1 und ein Dreikampf in Syrien zwischen säkularen Rebellen (vom ›Westen‹ protégiert), islamistischen Rebellen (von Goldmonarchien unterstützt) und einem idelogisch flexiblen Regime mit Iran im Rücken, dazu geführt, dass Islamisten ein Kalifat eröffnen konnten, in dem jeder Mensch, der ohne islamistischen Dachschaden angetroffen wird, massakriert werden kann.

In der Faschismusforschung gibt es die Analyse, dass Faschisten nur mit Gewalt gestoppt werden können, da ihre innere Dynamik jede Diplomatie als Schwäche- und jedes Zufriedengeben mit Erreichtem als Verrat ansieht. Ob es sich beim IS um Islamfaschisten handelt, mag umstritten sein, dass Pazifismus in ›diesem‹ Falle Zehntausende Tote und Millionen an Flüchtlingen nachzieht, wird hingegen von niemandem bestritten.

Was tun?

Doch wenn Militär nur einen Korridor für politische Lösungen öffnen kann, welche politischen Lösungen sind möglich?

›Das Proletariat entwickelt ein Klassenbewusstsein und baut sozialistische Räterepubliken auf‹ und ›Alle Beteiligten gehen auf eine Lichtung und schließen einen Gesellschaftsvertrag ab. Es folgt eine liberale Demokratie und das „Ende der Geschichte“ (Fukuyama)‹ wären sicherlich wünschenswert, sind aber bei Licht betrachtet eher unwahrscheinlich.

›Die Golfmonarchen erhalten die Deutungshoheit über den Islamismus zurück, die Türkei maschiert in irakisch- und syrisch-Kurdistan ein, der Bürgerkrieg in Syrien geht weiter‹ ist leider sehr realistisch, aber ebensowenig wünschenswert wie ein Sieg der Mullah-Baath-Hisbollah-Allianz.

Leider findet man in der deutschen Gesamtlinken wenig Debatten darüber, welche Lösung man sich vorstellen könnte. Stattdessen träumen die einen von einem militärischen Sieg der PKK, der keine politischen Fragen offenlässt, während der Rest angewidert über die Anwendung militärischer Gewalt ist (was nachvollziehbar ist) und sich deswegen in schlechtester Biedermeier-Tradition zurückzieht. Leute, das muss besser werden!

  1. Hauke Feickert: ›Nuri al-Maliki – Abgang des Sündenbocks‹ in Blätter für deutsche und internationale Politik 10/2014 [zurück]

Das gegliederte Schulsystem

Mein Text zu Dummheit und Blödheit zog die Frage nach sich, wieso eine Kritik an Hartz-IV-TV zwingend die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems mitdenken müsse.

Hierzu starte ich zunächst mit einem historischen Exkurs:
Wir befinden uns an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert. Es gibt wenige Gymnasiasten. Aus ihnen werden Direktoren, Generäle, Richter, Professoren, Abgeordnete. Kurz: Die Elite. Es gibt die Realschule, die von künftigen Angestellten, Beamten, Handwerksmeistern und Hausfrauen bevölkert wird – Der Mittelschicht. Dann haben wir die Volksschule für die Mehrheit der Männer und Frauen, die als Industrieproletariat ihre Haut zu Markte tragen würden.

Zu jener Zeit wäre selbstverständlich niemand auf die Idee gekommen, zu behaupten dass ein Mädchen aus einem Arbeiterhaushalt auch nur den Hauch einer Chance gehabt hätte, die gleiche Bildung zu erhalten, wie ein Akademikersohn. Heute ist dies anders. Bildungspolitiker_innen aller nicht Linken Parteien werden nicht müde zu betonen, dass kein Kind aufgegeben würde und dass auch die neuen Gemeinschaftsschulen die in einigen Bundesländern die mit der Notwendigkeit des Abiturs für Mittelbauberufe überflüssig gewordene Realschule mit der als Abstellgleis enttarnten Hauptschule vereinen, die Möglichkeit einer Qualifikation für eine gymnasiale Oberstufe bieten.

Also kein klassistisches1 Schulsystem mehr?

Nicht nur die Zahlen sprechen eine andere Sprache – In kaum einem anderen Land haben es Kinder aus »bildungsfernen Elternhäusern« schwerer auf die Uni zu kommen. Auch die Beteiligten lassen gerne einmal die Maske fallen. Sei es die von Verachtung gegen den niederen Pöbel strotzende Bürgerinitiative, die in Hamburg ein längeres gemeinsames Lernen verhinderte; sei es der FDP-Politiker, der mit dem Bonmot „In Deutschland kriegen die Falschen die Kinder“ offen zugab, dass es nicht einmal das ambitionierte Fernziel gibt, diese Benachteiligung auszugleichen2.

Denn gäbe es dieses Ziel, so würde man „schwächeren“ Schülis ja auch mehr Bildung zukommen zu lassen, statt ihnen gegenüber Abiturient_innen zwei bis drei Jahre Unterricht vorzuenthalten.

Auch müssten die Schulen für Kinder die besonders gefördert werden müssen, um die in ihren Elternhäusern nicht adäquate Förderung aufzuholen, wesentlich besser sein, als jene für diejenigen, die bereits einen Vorsprung haben.

Kurz: Niemand der Chancengleichheit oder gar bestmögliche Bildung für alle anstrebt, würde dies auf der Basis eines gegliederten Schulsystems machen. Alle Befürworter_innen einer Selektion nach der Grundschule haben sich entweder noch keine Gedanken gemacht (Was sich mittels Denkanstößen wie diesem Text ändern lässt) oder sie sind Zyniker_innen denen die Benachteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund und/oder völlig egal ist oder ihnen gar aus Gründen des Standesdünkels gar ganz gelegen kommt. Gymnasium ist asozial!

  1. Zur Erklärung des Klassismus: Ein Interview mit Andreas Kemper [zurück]
  2. Um der gern benutzen Ausrede, solche Aussagen seien „nicht repräsentativ“ direkt einen Riegel vorzuschieben. Ein Ministerium kriegt man nur wenn die Leute die sich nicht schämen mit einem gesehen zu werden, eine relative Mehrheit der Bevölkerung hinter sich versammeln können [zurück]

Grundregeln für sozialverträgliches Checkertum

Femgeeks.de berichtete kürzlich über den Fall des ugandischen Journalisten John K. Abimanyi, der aufgrund einer positiven Kritik des Internet Explorers von rassistischen Arschgeigen mit einem Shitstorm überzogen wurde.

Nun zeugt das Herunterputzen von Menschen, deren Geschmack man nicht teilt, selbst ohne Rassismus von einem erbärmlichen Charakter, doch Charlott (Femgeeks) verortete das Problem bereits dort, wo elitäre Abgrenzung stattfindet.

Dies ist selbstverständlich nicht ganz abwegig, aus der Idee andere Geschmäcker abzuwerten, erwächst – auch ohne bewusstes Mobbing – ein sozialer Druck sich konform zu verhalten.

Dennoch weise ich in meiner Eigenschaft als elitärer Checker den erhobenen Pauschalvorwurf zurück. Denn wo folgende Regeln befolgt werden, ist elitäres Gehabe sozialverträglich:

  • Sei nur dort offen arrogant, wo es vonnöten ist. Also nicht: „Wer sich nicht mit Atomorbitalen auskennt ist ein Vollhorst“ sondern „Wer sich nicht mit Atomorbitalen auskennt, sollte sich beim Thema Molekülorbitale zurückhalten, weil dort ansonsten Unsinn herauskommt“. Ebenso behalte der Wunsch, dir angesichts des in nicht harmonierende Neonfarben gewandeten Brusthaartoupetträgers mit Schnauzbart die Augen mit einem Apfelentkerner auszustechen für dich. Sein Recht deine Klamotten scheiße zu finden, zählt gleich viel wie deins. Außerdem willst du eh nicht mit ihm im Partner_innenlook auftreten, denn…
  • Checker1 haben verschroben zu sein: Wer geschmacklich die Mehrheit hinter sich hat (und sei es auch nur jene in der Peergroup) hat kein Recht mehr sich elitär zu fühlen. Wer sich nicht daran hält, ist kein Checker, sondern ein Blockwart
  • Die dritte Grundregel sollte eigentlich selbstverständlich sein: Wer Leute aus *istischen2 Gründen nicht in seiner Elite haben möchte, ist kein Checker, sondern ein Teil jener Alt-Elite, die aussterben sollte

Für die breite Masse der Checker, die nicht willens sind, sich an die Grundregeln zu halten, gilt selbstverständlich das bei Femgeeks geschilderte Problem. Ihre Abgrenzung schafft das Klima, in dem geifernde Mobs entstehen können.

  1. Ich gendere das Wort bewusst nicht, da Checker unabhängig vom biologischen Geschlecht, sozial als Männer fungieren [zurück]
  2. Ausgenommen natürlich religiöse Eiferer, Blödiane und rechtes Gesindel. Es gibt ja Leute die Mehrfachdiskriminierung etwas weiter als ich auslegen [zurück]

Menshealth meldet: Magere Menschen mindern Mäßigung

Wie meine lokale Tageszeitung unter Verweis auf das „Männermagazin Men’s Health“ vermeldete, nehmen diejenigen Männer ihre Diät weniger ernst, die dabei Bilder dünner Menschen anschauen, als jene die Bilder von dicken Menschen betrachten (Primärquelle). Wie nicht anders zu erwarten, kamen die Redakteur_innen nicht auf die sehr naheliegende Schlussfolgerung, dass der aufgrund von Schmierfinkenblätten wie dem ihren, inzwischen gesellschaftlich verordnete Abnehmwahn vielleicht doch nicht das gelbe vom Ei ist, wenn Photos der Abgenommenen die Abnehmwilligen genussvoll schlemmen lassen. Stattdessen rieten sie davon ab, dünne Menschen anzuschauen.

Es steht zu hoffen, dass dieser Rat zumindest einige potentielle Leser davon abhält, sich die eher selten mit Genussmenschen glänzenden Männermagazine zu kaufen.